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Gestatten: Elite PDF Drucken E-Mail
Freitag, 14. November 2008 um 11:02 Uhr

Titelbild: Gestatten EliteDie seit einigen Jahren laufende Diskussion, ob man wieder Eliten bräuchte und was von der Politik mit einem klaren Ja beantwortet wird, hat jetzt zu einer sehr interessanten Buchveröffentlichung geführt. Im Verlag Hoffmann und Campe erschien das Buch von Julia Friedrichs „Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen“.

Sehr engagiert recherchiert die Autorin, besucht die Elite-Schulen und redet mit den Schülern und Studenten. Sie gibt einen Einblick in die Welt derer, die gern zu den Eliten von morgen gehören wollen, von derem Denken und ihren Zielen. Sie vermeidet aber, die kritische Betrachtung zu vernachlässigen und alles mit der rosa-roten Brille zu beschreiben. Die Kritik, die die Autorin übt, scheint nach dem Erlebten wohl begründet und fundiert zu sein. Sie räumt auf mit dem Mythos, wer nur fleißig genug ist, könne es bis in die Spitzen von Politik und vor allem von der Wirtschaft schaffen. Ihr Stil zu Schreiben ist sehr lebendig, was die einzelnen Erlebnisse nachfühlbar macht, und er fesselt den Leser.


Ein Gespräch mit dem einzigen Elitenforscher Deutschlands Michael Hartmann ergab, dass in den Vorständen der 100 größten deutschen Unternehmen zu 85 Prozent Leute aus dem gehobenen und dem Großbürgertum vertreten sind. Beachtlich ist diese Quote deshalb, weil diese Bevölkerungsschicht nur 3,5% an der gesamten Bevölkerung ausmacht. Die Oberschichten stellen zwei Drittel der oberen Verwaltungsbeamten und in der Politik läßt es sich ähnlich deutlich verfolgen. „Leadership, Persönlichkeit, Auftreten – das sind für Michael Hartmann höchst ungeeignete Auswahlkriterien, da sie formbar und schlecht überprüfbar seien. Es sei wie ein Wettbewerb, sagt er, der nach Regeln funktioniere, die nur Eingeweihte kennen könnten. Ein unfaires Rennen, das die, die von oben kommen, gewinnen müßten.“ Und noch mehr schreibt sie über die Ergebnisse von hamburger Forschern: „In Hamburg begleitet ein Forscherteam seit über zwanzig Jahren das Leben von Menschen, die die Schulen der Stadt im Jahr 1979 verlassen haben. Das Fazit der Forscher ist eindeutig: ‚Früher haben wir wirklich geglaubt, dass man durch Bildung aufsteigen kann‘, schreiben sie. ‚Inzwischen wissen wir: In Deutschland ist das eine Illusion. Nach wie vor ist die soziale Schicht, aus der jemand kommt, entscheidend für den gesamten Lebensweg.‘“

Klare Worte, die die gesellschaftliche Realität beschreiben. Aber die zukünftige Elite sieht es natürlich anders. Sie genießen ihre Ausbildung in privaten Schulen und Hochschulen, teilweise auch schon in speziellen Kindergärter, und werden systematisch von der Realität abgeschirmt. In einsamen Gegenden und alten Schlössern und Burgen befinden sich viele dieser Ausbildungsstätten. Beim Lesen des Buches kommt unweigerlich eine Szene des deutschen Films „Napola“ ins Gedächtnis, als der Schulleiter der nationalpolitischen Ausbildungsstätte zu den Schülern sprach und ihnen erklärte, sie seien die neue Elite, die Deutschland führen und die ausländische Konkurrenz beseite fegen solle, dass sie für diese „große“ Aufgabe berufen seien usw. Sie werden systematisch mit Aussagen vollgestopft, z.B. dass die Arbeitslosen einfach nur zu faul seien, was sie natürlich auch glauben. Es ist ihnen auch egal, dass keine Schüler und Studenten an diesen Einrichtungen sind, die aus normalen Verhältnissen stammen. Ihre Eltern bezahlen gern bis zu 40.000 Euro im Jahr Gebühren, weil sie genau wissen, dass ihre Kinder über die Absolventennetzwerke ganz schnell einen hoch bezahlten Job finden. So kommen sie teilweise mit 22 oder 24 Jahren an eine Stelle, die mit fast 60.000 Euro Jahresgehalt dotiert sind. Als Unternehmensberater dürfen sie dann Arbeiter entlassen, worauf sie abgerichtet werden, denn nur der Unternehmensgewinn ist von Bedeutung. Bei Investmentbanken dürfen sie mit Millionen und Milliarden jonglieren, was erst kürzlich zu einer Krise des Finanzsystems geführt hat und vom „normalen“ Bürger ausgebadet werden muss.

Eigentlich könnte der „normale“ Bürger diese zukünftige Eliten bedauern, wäre er nicht in jeder Form von ihnen abhängig und unterworfen. Denn: „Viel leisten, das heißt in dieser Elitenwelt: funktionieren, nicht nachfragen. Nicht an den Lerninhalten der Unis rütteln, nicht an Streik denken, wenn der Tag in der Beratung wieder sechzehn Stunden lang ist, keine Pausen einfordern, kein Recht auf Fehler, auf Umwege, kein Recht, auch mal zu scheitern. Ich wäre erleichtert gewesen, wenn ich unter den Eliten mehr Schreihälse getroffen hätte. Mehr Querdenker, Widersprecher, Neinsager. Aber vermutlich fehlte ihnen dazu schlicht der Zeit. Denn wer dem Ziel hinterhereilt, möglichst viel von dem, was andere als Leistung definiert haben, in möglichst wenig Leben zu quetschen, dem bleibt fürs Grübeln, Denken und Hinterfragen wohl wenig Raum.“  Entschädigt werden die Eliten für die fehlende Kindheit, Jugend und allgemeine Persönlichkeitsentwicklung mit dem Glauben, mehr wert zu sein als andere. Die Uniformität gemeinsam mit dem Glauben höher zu stehen als andere, erinnert unweigerlich an das, was die Nazis gelehrt haben.

Das Buch ist wirklich empfehlenswert, weil erschreckend, was in den Köpfen von „Eliten“ vorgeht, wie realitätsfremd sie sind. Erschreckend, weil man einsehen muss, dass man systemkonform sein muss, um es weit zu bringen. Erschreckend, weil man erkennt, dass es einer kompletten Systemänderung bedarf, wenn nicht die Mehrheit der Bevölkerung zukünftig am oder unter dem Existenzminimum leben soll.